Poesie im Mahlwerk

Bei jeder Lektüre schreiben wir unseren eigenen Roman. Unweigerlich gehen unsere Überzeugungen, Erfahrungen und Hoffnungen in das ein, was wir lesen und verändern es. Wir verwandeln es uns an, mal mehr, mal weniger. So ging es mir mit Riika Pelo: Unser tägliches Leben.

Es geschieht nicht viel in diesem Buch. Es gibt Informationen und die Beschreibung von Zuständen. Wir erfahren von einer russischen Familie im ärmlichen Exil, zuerst in der Tschechoslowakei, dann in Paris. Der Mann ehemaliger Weißgardist, schwindsüchtig und unfähig, in der Fremde Fuß zu fassen. Die Frau die einstmals berühmte, allmählich in Vergessenheit geratene Dichterin Marina Zwetajewa. Die Tochter, von der Mutter zur Dichtkunst und Nachfolge bestimmt. Sie rebelliert und kann die Bindung an die früh alternde, kettenrauchende Frau, einer zunehmend lächerlichen Gestalt in ihren verschlissenen, mit Brandlöchern übersäten Kleidern, doch nicht lösen. Irgendwie überleben sie.

Als Ausweg erscheint die Rückkehr nach Russland, das nicht mehr die Sowjetunion, die Vereinigung der Räterepubliken ist, sondern Stalins bürokratisch verwaltetes Gefängnis. Der Preis der Rückfahrkarte: Die Bereitschaft, mit dem stalinistischen Geheimdienst zu kooperieren. Der Mann leistet erst Spitzeldienste in Emigrantenkreisen, dann wirkt er – es wird dunkel angedeutet –  an der Ermordung von Ignaz Reiss mit, dem Mitbegründer der IV. Internationale Trotzkis. Auch die Tochter wird zur Mitarbeiterin der GPU, sie allerdings mehr vom Glauben an eine sozialistische Zukunft motiviert, als von der Sehnsucht nach der Heimat.

Vor den Kellern und Lagern des NKWD rettet es sie nicht. Zurück in Moskau wird zuerst der Vater verhaftet, dann die Tochter. Der Vater wird bald erschossen, die Tochter gefoltert, bis sie die absurden Anklagen bestätigt – und zum Vergnügen der Folterer noch etwas länger. Dann verschwindet sie in den Lagern, für die Mutter spurlos wie der Mann.

Lange geschieht in diesem Roman fast nichts. Alle Bewegung auf den letzten 80 von knapp 500 Seiten ist Sturz in die Katastrophe. Marina Zwetajewa nimmt sich im August 1941 das Leben. Die Poesie hat sie nicht gerettet.

(Riikka Pelo: Unser tägliches Leben; C. H. Beck 2017)


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s