100 Jahre deutsche Revolution: Was können wir lernen?

Anlässlich des einhundertsten Jahrestages der deutschen Revolution von 1918 bis 1923 hat sich eine Flut von Büchern und Artikeln über die Leserinnen und Leser ergossen. Ich konnte da nicht mithalten und habe nur im Rahmen meiner begrenzten Möglichkeiten und anlässlich einer Diskussionsveranstaltung versucht, ein paar Gedanken zu Papier zu bringen. Hier sind sie in leicht veränderter Form. Vor allem eine Frage interessiert mich:

Was können wir aus einem so lange zurückliegenden Ereignis für unsere politische Arbeit lernen?

Als ich vor ein paar Wochen in Vorbereitung auf einen Vortrag über die gewerkschaftlichen Kämpfe im Ruhrgebiet der damaligen Zeit in den alten Dokumenten las, sind mir zwei große Problemfelder wieder klar geworden.

Um den 9. November 1918 herum entstanden auch im Revier Arbeiterräte. Sie wurden meist von Soldaten initiiert und spontan gebildet. Sie wollten mit den Verantwortlichen für das vierjährige Völkermorden, den Schlotbaronen und dem kaiserlichen Offizierskorps, abrechnen. Ich glaube, dass diese Bestrebungen auch heute, im Rückblick, nur zu verständlich sind. Von der damaligen Führung der SPD wurden sie nicht geteilt. Die damalige Führung ging nicht daran, Kapital und Armee zu entmachten. Im Gegenteil: Sie (und mit ihr die Führung der Gewerkschaften) schloss Bündnisse mit ihnen, am 10. November mit dem Generalstab (Ebert-Groener-Abkommen), am 15. November 1918 mit den Vertretern der Industrie (Stinnes-Legien-Abkommen).

Die Entscheidung der sozialdemokratischen Führung kam nicht überraschend. Sie entsprach der Orientierung, die bereits beim Kriegsausbruch 1914 deutlich geworden war. Damals gab sie unter Preisgabe der internationalistischen Grundsätze der Arbeiterbewegung dem Krieg ihre Zustimmung, verkündete den Verzicht auf den Kampf für die Arbeiterinteressen („Burgfrieden“) und ließ sich mit dem Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst vom Dezember 1916 direkt in die Mobilisierung der letzten Reserven für das Völkerschlachten einspannen, was einen Teil der Partei zur Gründung der USPD veranlasste.

Auch 1918 orientierte sie sich nicht an der ausschließlichen Notwendigkeit, in voller Unabhängigkeit von den Herrschenden die Interessen der Arbeiterbewegung zu formulieren und zu erkämpfen. Sondern daran, mit den Herrschenden Abkommen zu schließen. Obwohl doch die Millionen Tote des Krieges bewiesen hatten, wohin der Verzicht auf die Unabhängigkeit führt.

Die Auseinandersetzung um die Unabhängigkeit der Arbeiterbewegung, das scheint mir das erste Problemfeld in den Monaten der Revolution von 1918/19 zu sein.

In den Dokumenten lässt sich gut nachvollziehen, wie nach den ersten Lebenstagen der Räte dort Kräfte zu dominieren beginnen, die auf der Grundlage der beiden Abkommen stehen. Der Rätekongress, der vom 16. bis 20. Dezember 1918 in Berlin tagte, war zum großen Teil von dieser Position geprägt. Er proklamierte nicht die Räterepublik, sondern unterstützte die Wahlen zu einer konstituierenden Versammlung. Immerhin fasste er den Beschluss zur Sozialisierung insbesondere des Bergbaus. Eine Entscheidung, die im Folgenden von der Regierung unter Ebert nach Kräften und am Ende erfolgreich sabotiert wurde.

Und nun setzt eine Entwicklung ein, die uns meiner Meinung nach auf das zweite Problemfeld führt: Die Arbeiter und Soldaten, die Mitglieder der USPD und des Spartakusbundes und viele andere, die auf dem Rätekongress in der Minderheit geblieben waren, gingen jetzt nicht an die sicher schwierige Arbeit, die Kolleginnen und Kollegen, die der Mehrheitsposition gefolgt waren, zu überzeugen, so wie es Rosa Luxemburg vorgeschlagen hatte. Stattdessen versuchten sie, die Ziele der ersten Tage der Revolution durch die revolutionäre Aktion einer Minderheit zu verwirklichen. So geschehen im Januar-Aufstand in Berlin. So geschehen auch in der Auseinandersetzung um die Sozialisierung des Ruhrbergbaus in den ersten Monaten des Jahres 1919. Und schließlich 1920 in dem Versuch, mit Hilfe einer im Kampf gegen den Kapp-Putsch gebildeten, aber letztlich isoliert bleibenden Roten Ruhrarmee sozialistische Ziele doch noch durchzusetzen.

Meine Sympathie gilt diesen vorwärtsdrängenden Arbeitern, die sich nicht damit abfinden wollten, dass die Kriegsgewinnler mit der Pickelhaube und dem Zylinderhut wieder Oberwasser bekamen. Aber indem sie darauf verzichteten, für die Einheit der Arbeiterbewegung einzutreten und stattdessen die Entscheidung in der Aktion einer Minderheit suchten, musste ihr Kampf scheitern.

Das zweite Problemfeld sehe ich also in der Frage der Einheit der Arbeiterklasse und darin, dass die revolutionäre Linke 1918 bis 1920 darauf verzichtete, für die Einheit als Voraussetzung der Durchsetzung der Arbeiterinteressen zu kämpfen.

Kurz skizziert die weitere Entwicklung: Alle Zugeständnisse, die das Kapital im Rahmen des Stinnes-Legien-Abkommens gemacht hatte, waren ein paar Jahre später wieder kassiert, auch der Achtstundentag. Spätestens 1928 nahm das Kapital Kurs auf Zerstörung der Weimarer Republik, was im Ruhrgebiet seinen Ausdruck in der rechtswidrigen Aussperrung von 230.000 Stahlarbeitern im sogenannten Ruhreisenstreit fand. Die sozialdemokratische Führung (und auch die der Gewerkschaften) hielt dennoch an der Preisgabe der Unabhängigkeit zugunsten einer Politik der Zusammenarbeit mit den Konzernen und der Reichswehr fest. Im Namen des „kleineren Übels“ tolerierte sie Anfang der dreißiger Jahre die Verelendung breitester Schichten der Bevölkerung durch die  Notverordnungspolitik und ließ der braunen Pest damit den politischen Spielraum, den sie für ihr sprunghaftes Wachstum brauchte. Die KPD verzichtete einmal mehr im Namen von „Sozialfaschismus“ und „Revolutionärer Gewerkschaftsopposition“ darauf, Vorkämpfer der Klasseneinheit zu sein.

Alles Geschichte? Fragen, auf die sich der Staub der Jahrzehnte gelegt hat? Ich meine: nein.

Wenn sich heute eine SPD-Führung um den Preis des Untergangs der Partei an die Große Koalition zu ketten bereit ist, dann ist es vielleicht nicht schade um so manche Person an der Spitze der Partei und ganz bestimmt nicht um die Agenda-Politik. Aber die Frage, wie Politik für Arbeitnehmer unabhängig formuliert werden kann, stellt sich mit seltener Schärfe. Und nicht weniger dringend stellt sich die Frage der Einheit angesichts eines möglicherweise endgültig zerfallenden politischen Zusammenhangs und einer zersplitterten Landschaft von Strömungen und Initiativen, die alle ihren Grund und Sinn haben, aber eine organisierte politische Arbeiterbewegung nicht ersetzen können.

Was Unabhängigkeit und Einheit der Arbeiterbewegung in einer konkreten Situation genau bedeutet, das kann man Lehrbüchern nicht entnehmen. Das herauszufinden verlangt eine demokratische und solidarische Diskussion aller, denen es um die Interessen der gesellschaftlichen Mehrheit geht. Dabei auf die Erfahrungen der Generationen vor uns zurückzugreifen, die gekämpft und gelitten haben, ist unverzichtbar.

 


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