Afghanistan: Solidarisches Handeln dringend!

Nach 20 Jahren Krieg in Afghanistan hinterlassen die Truppen der USA und ihrer Verbündeter, darunter die Bundeswehr, in jeder Beziehung ein Trümmerfeld. Wie bereits in den Jahrzehnten davor wurde dem afghanischen Volk auch in den letzten 20 Jahren das Recht auf Selbstbestimmung verwehrt, regierte stattdessen eine von den westlichen Militärs abhängige korrupte Clique in wechselnder Besetzung. Jetzt rücken die Taliban in die Machtpositionen ein, seinerzeit gegründet und finanziert vom CIA und von Saudi-Arabien. Es droht eine blutige Hetzjagd auf alle, die sich ihrer totalitären Herrschaft nicht unterwerfen. Sie brauchen unsere Solidarität. Es ist schändlich (war aber nicht anders zu erwarten), dass deutschen Politikern in einer Situation, in der Abertausende in Lebensgefahr schweben, nichts anderes einfällt, als vor einer Wiederholung von 2015 zu warnen, dem Jahr, in dem viele – damals aus Syrien – in Deutschland Zuflucht suchten.

Am schlimmsten bedroht sind die Frauen Afghanistans. Ich möchte deshalb an dieser Stelle auf die Organisation medica mondiale aufmerksam machen, die sich seit vielen Jahren für die Rechte afghanischer Frauen engagiert und die jetzt den Schutz afghanischer Frauenrechtsaktivistinnen fordert.

Über die Gründerin und Leiterin von medica mondiale habe ich 2010 ein Porträt geschrieben. Afghanistan wird darin nur am Rande erwähnt. Der Text ist aber doch – so hoffe ich – noch einigermaßen informativ, was die Arbeit von Monika Hauser und medica mondiale angeht. Sie haben Unterstützung verdient, politisch und finanziell. Weitere Informationen gibt es unter https://www.medicamondiale.org/

Nehmt das bitte als eine erste Reaktion auf die aktuellen Ereignisse. Sicher ist sehr viel mehr nötig.

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Monika Hauser von medica mondiale – ein Porträt / November 2010

„Wir wollen Gerechtigkeit für die Frauen“

Die Kölner Gynäkologin Monika Hauser ist Gründerin der Frauenorganisation medica mondiale. Sie setzt sich weltweit für Überlebende von sexualisierter Gewalt in Kriegs- und Krisengebieten ein.

Von dapd-Korrespondent Ulrich Breitbach

Balkan 1992: Serbische Truppen führen Krieg in Bosnien, auch gegen die Zivilbevölkerung. Im Herbst desselben Jahres liest Monika Hauser erstmals von den Massenvergewaltigungen muslimischer bosnischer Frauen. „Da war mir klar, dass ich mich einmischen muss“, sagt sie heute.

Die erste Idee der jungen Ärztin war, bei einer der bekannten Hilfsorganisationen mitzuarbeiten. Deren Reaktionen waren ernüchternd: „Die haben mir geantwortet, dass es im Kriegsgebiet zu gefährlich sei und man für die muslimischen Frauen sowieso nichts machen kann. Das hat mich wütend gemacht“, erinnert sich die gebürtige Südtirolerin, die in der Schweiz aufwuchs und seit vielen Jahren in Deutschland lebt. „Ich will konkrete Unterstützung für diese Frauen leisten“, hat sie damals für sich beschlossen. Auf eigene Faust fuhr sie Ende Dezember 1992 nach Zenica in Zentralbosnien. Hier gewann sie rasch einheimische Psychologinnen und Ärztinnen für den Aufbau eines Zentrums für Frauen, die sexualisierte Kriegsgewalt erlitten haben. „So habe ich begonnen und in wenigen Tagen stand das Team, das zum größten Teil heute noch in Zenica arbeitet“, fasst die Einundfünfzigjährige die Anfänge von medica mondiale zusammen. Eine erste Finanzierung des Projekts kam wenig später wie durch ein Wunder durch großzügige Spenden zustande.

Ohne die Energie und Konzentration, die Monika Hauser ausstrahlt, wäre es zu all dem nicht gekommen. Woher stammt die Kraft, die sie das scheinbar Unwahrscheinliche und mitunter nicht Ungefährliche wagen lässt? Sie habe „einen Familienauftrag meiner weiblichen Vorfahrinnen“, beschreibt sie den Hintergrund ihrer Motivation und erzählt von der Großmutter, den Tanten, die sexuelle Gewalt in Südtirol erfuhren. „Gewalt gegen Frauen ist ein Thema in meinem Leben, solange ich denken kann. Heute nennt sich das transgenerationelle Traumatisierung“, fasst die Mutter eines 14-jährigen Sohnes einen Vorgang zusammen, in dem seelisch zutiefst verwundete Mütter ihre Verletzungen auf ihre Kinder und mittelbar auf ihre Enkel übertragen können. „Aber natürlich geht es auch um Solidarität und feministisches Engagement.“

Bereits in Zenica wurde das Konzept entwickelt, nach dem medica mondiale heute mit 40 Mitarbeiterinnen in Köln und 120 weltweit in einer ganzen Reihe von Ländern (u. a. Kosovo, Demokratische Republik Kongo, Afghanistan) arbeitet. Es geht in einem oft sehr schwierigen, patriarchalen Umfeld um psychosoziale und medizinische Unterstützung, aber auch um juristischen Beistand. Zum Beispiel in Afghanistan, wo nicht etwa die Vergewaltiger, sondern die vergewaltigten Frauen ins Gefängnis geworfen werden. Und es geht um die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Frauen. „Die Frauen werden nie mehr zum Früher zurückkehren können. Da ist etwas zerbrochen“, sagt Monika Hauser. „Aber ein einigermaßen selbstbestimmtes Leben ohne die ständig überwältigenden Trauma-Symptome ist möglich. Und wenn sie dann wie im Kosovo auf ihrem Traktor sitzen und das Feld bestellen, was sie früher nie gemacht hätten, dann lassen sie sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen. Dieser emanzipatorische Ansatz ist sehr wichtig.“

Für die Autorin Chantal Louis, die ein Buch über Monika Hauser geschrieben hat, ist „medica mondiale eine einzigartige Organisation, die gesellschaftliches Bewusstsein für die Bedeutung von sexualisierter Kriegsgewalt geschaffen hat. Was mich an der Gründerin sehr beeindruckt“, fügt sie hinzu, „ist ihr unbedingter Wille zu handeln und die Tatsache, dass sie – bei allem, was sie erlebt hat – nicht hart geworden, sondern berührbar geblieben ist.“

medica mondiale hat mit Recht viel Anerkennung erfahren. Das Bundesverdienstkreuz hat Monika Hauser 1996 aber abgelehnt, weil die Bundesregierung bosnische Flüchtlinge ohne Perspektive in eine zerstörte Heimat zurückschickte. Heute kritisiert sie die Ignoranz der Regierung angesichts der Tatsache, dass auch deutsche Soldaten im Auslandseinsatz Bordelle aufsuchen, in denen Mädchen und Frauen zur Prostitution gezwungen werden. „Vorbereitende Trainings für die Männer, um sie dafür zu sensibilisieren, was sie da tun“, fordert sie. „Aber das Verteidigungsministerium blockt seit über einem Jahrzehnt.“

„Dass wir politisch ein ganz anderes Gehör bekommen“, das ist neben finanzieller Unabhängigkeit und der Möglichkeit zu nachhaltiger Arbeit denn auch einer der Wünsche, die Monika Hauser für die Zukunft hegt. „Wir wollen Gerechtigkeit für die Frauen“, fügt sie hinzu – und ist überzeugt, „dass das zu mehr Gerechtigkeit für alle führt.“


Ein Gedanke zu “Afghanistan: Solidarisches Handeln dringend!

  1. Danke, lieber Uli für deinen Beitrag!
    Ich bin völlig entsetzt vom Versagen der politisch Verantwortlichen in Deutschland. Wie kann man ernsthaft überrascht sein, von der schnellen Ausbreitung der Taliban nach dem Abzug? Wie konnte man nicht sehen (wollen), dass es gilt, unsere Verbündeten für die Menschenrechte in Afghanistan rechtzeitig zu retten? Allen voran die Frauenrechtlerinnen, die jetzt in noch größerer Gefahr leben als sonst und rausgeholt werden müssen. Und auch andere Menschen, die z.B. eng mit der Bundeswehr zusammen gearbeitet haben, werden ohne Schutz zurück gelassen. Da haben wir vor Ort sowieso völlig versagt was Demokratie und Menscherechte angeht und dann auch noch das… Das sind die Momente, wo ich mich wirklich schäme, Deutsche zu sein und mit dieser Politik in Verbindung gebracht zu werden.
    Claudia

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